Verschwommene Sommerschätze

Pünktlich an den ersten schlechten Tagen im September, wenn die ersten Hallo-Herbst-ich-freue-mich-auf-dich-Bilder bei Instagram auftauchen, beschleicht mich eine stille Panik.

Ich fühle mich wie mein Kleiner,  der sich beim Abschied von Freunden an ihre Füße klammert, kläglich anfangen zu weinen und „Nicht gehen!!“  in herzzerreißender Lautstärke durch den ganzen Flur brüllt. Nein, lieber Sommer, du bist doch erst gekommen, du kannst doch nicht schon wieder gehen. Es gibt noch so viel, was wir zusammen machen wollten.

Ich hab noch einen ganzen Stapel Bücher, den ich in der Hängematte lesen wollte. Wir waren noch viel zu wenig im Freibad und noch nicht am Meer. Was ist mit den Abenden im Garten, die ich noch mit dir verbringen wollte? Die Lagerfeuer, die wir noch nicht angezündet, das Stockbrot, das wir noch nicht gegrillt haben. Und wir wollten doch so oft im Zelt schlafen und eine Woche im Garten wohnen. Abends wollten wir auf dem Spielplatz so lange draußen bleiben, bis die Kinder im Stehen auf dem Laufrad einschlafen. Jedes Jahr hab ich so viele Pläne und am Ende des Sommers frage ich mich, wo die Zeit hin ist.

So vieles, was noch hätte sein können. Ich bin noch nicht bereit, dich gehen zu lassen. Kann mir mal bitte jemand sagen, wie man die Zeit anhält oder sie ein bisschen zurückspult?

Kurz bevor mich die letzte Welle Wehmut völlig überrollt, blättere ich in meinen Sommer Fotos. Übervoll quellen mir Erinnerungen entgegen von Dingen, die wir stattdessen getan haben.

Barfuß wandern und Staudämme bauen, Stunden auf dem Wasserspielpatz verbringen, meinen Blog teilen und vor Aufregung massenhaft Schokolade futtern, die Zukunft doch ein bisschen früher planen, alleine mit den Jungs ins Freibad gehen und Gartengottesdienste feiern. Übernachtungsbesuch vom Patenkind, eine gemütliche Balkonecke bauen, tolle Ausflüge mit Freunden unternehmen, eine kleine feine Gemeindefreizeit, so viele Waldwanderwege ausprobieren, einen kleinen Vorratsschrank im Keller einrichten und ihn auffüllen, im Garten werkeln, in einer Tiefgarage predigen, …

Stattdessen. Ein schönes Wort für diesen Sommer. So viele Geschenke, Erinnerungen und Segnungen. Wie konnte ich nur direkt vor ihnen stehen und sie alle übersehen? Wie konnte das Gefühl, nicht genug getan zu haben, meinen Blick so verschwimmen lassen?

Es ist, als ob ich den Sommer durch unsere Kamera gesehen hätte. Da haben die Jungs an ein paar Knöpfen rumgedrückt und jetzt sieht man alles nur noch verschwommen, obwohl es direkt vor Augen ist. Dann muss man ein bisschen rauszoomen und das Bild wird wieder scharf.

Es war genug. Ich habe genug

Das ist mein Zoom. Es gibt nicht viele Worte, die solch eine Kraft haben, um meine Sicht wieder herzustellen. Wenn ich diese Worte spreche, dann ist es, als ob meine Hände den Druck lockern, den sie im Würgegriff um das Leben gelegt haben, um den letzten Tropfen Glück herauszupressen. Nach und nach können sie loslassen und mit offenen Händen sehe ich auf einmal die vielen Schätze, die ich bereits in ihnen halte. Wie konnte es sein, dass ich sie vorher nicht gesehen habe? Ich habe so viel mehr als genug!

Und auch mein Sommer war mehr als genug! Er war übervoll mit Sonne und Erinnerungen und Dankbarkeiten. Ja, es fällt mir immer noch schwer, mich zu verabschieden und so ganz will ich ihn auch noch nicht gehen lassen. Und so drehen wir noch eine kleine Ehrenrunde. Wie schön die letzten Spätsommertage doch sind.

Wir zelten doch noch im Garten (bei 8 Grad!) und dann nochmal bei Freunden. Wir grillen Würstchen und essen so viele davon, als wären es die letzten diesen Sommer. Wir laden in unseren Garten zum Sommerpicknick ein und bleiben ein bisschen länger als sonst auf dem Spielplatz und schaukeln in der Hängematte.

Ach lieber Sommer, wie schön, dass du da warst. Es war so wundervoll mit dir!

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