Was ich verloren habe

Ich weiß nicht, wann es passiert ist, aber irgendwo zwischen vollen Fußballstadien und überquellenden Intensivstationen habe ich ihn verloren: meinen Glauben an eine solidarische Gesellschaft. Eine Gemeinschaft, die aufeinander achtet und auch die Schwachen im Blick behält. Die zurücksteckt und verzichten kann. Und während der Ton immer rauer und meine eigene Gefühlslage immer dünnhäutiger wird, scheint es, als ob es nur noch um das eigene unbeschadete Durchkommen geht. Wer zu seinem Recht kommen will, muss selbst dafür sorgen. Man muss laut sein, um sein Recht einzufordern und die eigene Meinung durchzusetzen. Sehr laut.  

Was in mir wächst, ist Ohnmacht und ganz viel Wut. Auf die, die sich nehmen, was sie wollen. Auf die, die sich bereichert haben. Auf die, die zu feige sind, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Auf mich, weil ich oft genauso handle. Jeder kämpft für sich allein. 

Während die Tage immer dunkler und kälter werden, wächst in mir die Überzeugung, dass wir in einer Welt leben, die keinen Platz für die Kleinen und Schwachen, für die Alten, die Machtlosen und die Leisen hat. Menschen, die alleine sterben müssen. Kinder, die vergessen werden. Und so viele, denen keiner hilft. Auch schon vor der Pandemie. Und wenn ich an all diese Dinge denke, da wird es auch in mir drin immer dunkler und kälter.

Und hier könnte die Geschichte enden. Punkt.

 …wenn da nicht Advent wäre.

Denn auch, wenn die Welt an manchen Tagen ziemlich düster aussieht, glaube ich doch auch an den, der diese Welt nicht aufgegeben hat. Der, bei dem die Kleinen und Kranken, die Kaputten und Gebrochenen immer einen Platz haben. Bei dem man nicht laut schreien muss, um gesehen zu werden. Bei dem Ohnmacht und Wut Platz haben und der uns zeigt, dass es nicht die Großen und Mächtigen sind, die etwas verändern, sondern die Einfachen, die den Glauben nicht aufgeben. Und die Hoffnung und die Liebe.

Und deshalb mache ich mich auf, um meinen Glauben an das Gute wiederzufinden. Oder wie mein Jahreswort es so schön zusammenfasst: meinen Glauben an die Güte. Die Güte im Anderen, die Güte in mir und all das Gute und Schöne, von dem wir umgeben sind. Ich mach mich auf Lichtersuche im Advent. Weil sie mich an den erinnern, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und der in dieser Welt seine Lichterspuren hinterlassen hat.

Wie kleine Kerzen leuchten sie, meistens ein wenig versteckt und schnell übersehen. Vielleicht auch wie Glühwürmchen, denen man hinterherjagen und die man einfangen muss. Ich laufe ihnen hinterher – in der Hoffnung, dass sie mich durch dunkle Nächte tragen. Und dann sammle ich weiter in dem festen Glauben daran, dass wenn ich nur genügend von ihnen finde, mein Lichterglas so übervoll wird, dass es in mir und um mich herum immer heller wird. Und ich am Ende gar nicht mehr anders kann, als daran zu glauben, dass wir von Wundern und Güte und Solidarität umgeben sind.

2 Gedanken zu: Was ich verloren habe

    1. Auch mache ständig die Erfahrung der Kälte in dieser Welt! Aber ich bin so froh das Jesus das ganz Anders sieht. Das er in einem Stall zur Welt kam und für uns gestorben und vor Allem das er wieder auferstanden ist!

      Ich wünsche Allen eine gesegnete Advent- und -Weihnachtszeit!
      Liebe Grüße aus Filderstadt
      Ingrid Sick

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