Fasten

Die Welt steht still. Oder dreht sich zumindest ein bisschen langsamer.

Leere Straßen, vereinsamte Spielplätze, nur ab und zu zieht ein Jogger oder Hundebesitzer an unserem Haus vorbei. Geschlossene Schulen und Kindergärten. Wir haben Zwangsferien.

Leere Klopapierregale, nur noch vereinzelte Mehl- und Nudelpackungen und die Hefe ist schon lange aus.  Das erste Mal in unserem Leben stehen wir in einem Supermarkt, indem wir nicht immer alles sofort bekommen. Wir können nicht ins Kino, in Schwimmbad, essen gehen oder uns auf eine andere Art unterhalten lassen. Die Welt dreht sich ein bisschen langsamer.

Und das mitten in der Fastenzeit. Die Wochen vor Ostern, in denen Menschen seit Jahrhunderten verzichten. Auf bestimmte Lebensmittel, auf Unterhaltung, auf Überfluss. Meistens selbstgewählt, doch jetzt wird sie uns zwangsverordnet. Verzichten heißt sich beschränken, das Einfache statt den Überfluss suchen. Und ich merke, irgendwie ist es okay.

Die vergangenen Fasten- und Verzichtszeiten haben mich einiges gelehrt. Sonntage, an denen wir auf Arbeit und Freizeitstress verzichtet haben, Fastenjahre ohne Fleisch, Süßigkeiten oder Fernsehen, die letzten zwei Jahre auf dem Weg zu einem einfacheren Lebensstil. Wie oft habe ich diese Entscheidungen verwünscht, als ich sonntags gelangweilt in meinem Wohnzimmer saß und nichts mit mir anzufangen wusste. Doch jetzt sind sie wie stille Erinnerungen, die mich anfeuern:  Das kannst du! Das schaffst du!

Ja ich kann! Weniger ist nicht immer schlecht. Ich kann zur Not ohne Mehl und ohne Nudeln und auch ohne Toilettenpapier. Ich kann verzichten. Auf Kino, auf Schwimmbad, auf Theater und Events.

Es ist wie eine Fastenkur, die den Körper reinigt und alles Unnötige ausspült. Die zeigt, dass es doch so wenig braucht. Die ersten Tage sind wie kalter Entzug und man denkt an nichts anderes als Schokoladenkuchen und Pizza. Aber nach und nach passiert etwas Ungewöhnliches. Im Verzicht finden wir Kraft und Freiheit, die wir hier nicht vermutet hätten.

Manches fehlt mir sehr. Meine Freundinnen treffen, Kaffee trinken gehen, alleine sein, die Spielkameraden für meine Kinder und vor allem Gottesdienst feiern. Mit Frühstück und Umarmungen, mit zusammen sein, mit beten und singen.

Aber es wächst in mir auch die Sehnsucht nach Ostern.  Wie sehr sehne ich mich nach diesem Fest, das in eine kaputte und kranke Welt hineinruft: Krankheit und Tod und haben nicht das letzte Wort! Sondern Auferstehung und Hoffnung! Leben im Überfluss! Denn das ist doch der Grund, warum wir fasten. Ein Herz, das wieder all das übervolle Leben sehen kann, mit dem es jetzt schon beschenkt ist.

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