Morgen beginnt die Fastenzeit. Ein wenig tun sie mir ja leid, die entbehrungsreichen, leisen Tage, die auf die überschwängliche, bunte Faschingszeit folgen. Verzicht statt Genuss, Mangel statt Überfluss. Denn während die Osterdeko schon in die Läden einzieht, wird es im Kirchenjahr erst einmal leise.
Und auch ich tue mich manchmal schwer mit diesen Tagen. Besonders, wenn der Winter lang und kalt war und ich in meinem Alltag eh schon auf so vieles verzichten musste. Doch mit den Jahren habe ich gemerkt, wie gut mir diese Zeiten tun, denn sie helfen mir, wieder in einen guten Rhythmus zu kommen. Früher gab es – oft entlang der Jahreszeiten einen natürlichen Rhythmus von Mangel und Überfluss. Während im Sommer der Garten voller leckerer Früchte war, hieß es im Winter von den Vorräten leben. Und wenn die leckere Himbeermarmelade aufgebraucht war, musste man sich die restlichen Monate mit dem matschigen Pflaumenmus begnügen. Bis es wieder Sommer wurde und die Sträucher voller süßer Früchte hingen. Feste waren auch deshalb so besonders, weil es an diesen Tagen all das gab, was man sich sonst nicht leisten konnte.
All das kenne ich nicht. Seit ich denken kann, lebe ich im Überfluss. Ich habe mehr als ich brauche, immer und ständig verfügbar. Wenn die Himbeermarmelade in unserem Kühlschrank leer ist, kann ich innerhalb ein paar Minuten eine neue beim Rewe um die Ecke kaufen. An den meisten Tagen weiß ich, wie unglaublich privilegiert das ist und bin dankbar für so viel Gutes. Keinen Moment lang möchte ich tauschen. Doch ich glaube auch, dass das etwas mit unserer Seele macht, wenn wir im ständigen Überfluss leben . Ich glaube, sie kommt dabei ein wenig aus dem Rhythmus, weil sie nicht lernt auch mit wenig auszukommen.

So geht es zumindest meiner. Sie vergisst, dass sie auch mit unerfüllten Wünschen und mit Mangel zurechtkommen kann. Und auch trotz Verzicht ziemlich gut leben, ja sogar Glück und Freude finden kann. Meistens merke ich das, wenn das Leben mir diesen Mangel aufzwingt. Dann kann ich das selten gut annehmen und das Beste draus machen. Dann denke ich selten: auch das wird vergehen, es komme auch wieder andere Zeiten! Denn dann schreit alles in mir, wie ungerecht dieses Leben ist und schaut nach rechts und links, warum denn die anderen …. Und was ich falsch gemacht habe, um das zu verdienen. Wenn die Mangelzeiten ausbleiben, dann wird meine Seele unersättlich. Dann muss alles immer noch mehr und größer werden. Wenn es jeden Tag Kuchen zum Frühstück gibt, was gibt es dann am Geburtstag?
In der Natur und im Leben, ja auch im Glauben gibt es sie beide. . Schöne Hochmomente und karge Zeiten. Paulus schreibt in einem seiner Briefe einmal:
„Ich habe gelernt, mich zu begnügen mit dem, was ich habe.
Ich weiß, wie man in Armut lebt, und wie man im Überfluss lebt; ich kann satt werden und hungern, Überfluss und Mangel ertragen.
Ich vermag alles durch den, der mich stärkt.“Philipper 4,11–13
Ich kenne den kargen Winter und den üppigen Sommer.
Ich kann genießen und verzichten.
Fasten und Feiern.
Diese Verse scheinen mir zu unendlich weit weg. Ich kann mit beidem. Ich kann den Überfluss genießen und im Mangel gut zurechtkommen. Nicht weil ich selbst so diszipliniert oder bedürfnislos bin, sondern weil ich Jesus mein genug gefunden habe. Und ich glaube, das Geheimnis, um das zu lernen können Fastenzeiten sein. Wie bei allen geistlichen Übungen geht es nicht darum, sich noch mehr selbst zu optimieren, sondern Gott das hinzugeben, was ich kann (ein paar Wochen auf etwas verzichten) und zu erwarten, dass er daraus etwas machen kann, das ich selbst niemals tun kann – die Veränderung meines Herzens.
Also werde ich die nächsten Wochen in diese alte Tradition einreihen, die schon so viele vor mir geübt haben. Ich werde mich im Verzichten üben. An manchen Tagen werde ich ziemlich schlecht gelaunt sein und mich selbst verfluchen, warum ich mir das antue. Ich werde mich wahrscheinlich wenig geistlich fühlen und am Ende werde ich mich fragen, ob es überhaupt etwas „gebracht“ hat.
Aber ich glaube mit den Jahren, wenn ich zurückblicke, dann werde ich merken, dass es gerade diese Zeiten waren, die mir geholfen haben, mein genug zu finden. Im übervollen Sommer und im kargen Winter und den ganz normalen Tagen zwischendrin.

Ja, wir leben tatsächlich in einer (nicht gesunden) Überfluß- und Wegwerfgesellschaft. Ich (Jahrgang 1964, Deutschland West) bin da tatsächlich noch anders aufgewachsen. Zum Beispiel mit EINER Puppe, die nach Kunststoff roch und der schon sämtliche Haare am Kopf fehlten (und an der Stelle dann kleine Löcher blieben), ich könnte noch manche Bespiele anführen. Heute ist alles übersättigt und es müssen immer neue Produkte erfunden werden. Diesen Trend finde ich sehr schade. Wir haben leider Maß und Mitte verloren. Und aus Überfluss wird leicht Überdruß. Brauchen wir immer wieder einen neuen Kick? Ich denke nicht. Man kann auch einmal zufrieden sein und sich genügen lassen. Dazu lädt die kommende Fastenzeit uns ein.
Sonja